„Gänsekerle auf Zeit“ besucht Datterode

70 Jahre einer besonderen Verbindung

Während des II. Weltkrieges wurden Frauen, Kinder und auch alte Menschen auf dem vermeintlich sicheren Land einquartiert. So auch in unserer Region und auch in Datterode. Zu Beginn des Krieges im Westen kamen u. a. Menschen aus dem Saarland, später folgten ausgebombte Einwohner aus Ballungsräumen wie Bremen, die in Datterode bei den Familien vorübergehend Obdach fanden. Daraus entwickelten sich zum Teil freundschaftliche Verbindungen, die sogar in der Übernahme von Patenschaften von Neugeborenen der „Ausgebombten“ führten.

Zu den Evakuierten gesellten sich im Zuge der Kriegsentwicklung Anfang 1945 Familien aus dem Gebiet „Eupen-Malmedy“ im heutigen Ostbelgien. Jene Gebiete, die 1920 vom Deutschen Reich durch den Versailler Vertrag abgetrennt wurden und deren großteils deutschsprachige Bevölkerung damit zu belgischen Staatsbürgern wurde. Der 20 bis 50 km breite Grenzstreifen mit einer Fläche von 1036 km² und neun Kommunen der „Deutschen Gemeinschaft“ wurde nach einer fünfjährigen Übergangszeit am 6. März 1925 in den belgischen Staatsverband eingegliedert (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Ostbelgien und www.dglive.be ).

Mit der Besetzung Belgiens wurde das Gebiet wieder deutsch. Die vormals belgischen waren jetzt wieder deutsche Staatsbürger. Aus einer dieser Gemeinden, namentlich der Ortschaft Raeren (Nahe Aachen), kam Frau Katharina (Käthe) Kirschvink, die im Februar 1945 in Datterode u. a. bei Viktoria (Dora) und Heinrich Hartmann (Leipziger Straße) mit ihren beiden Kindern Siegfried und Hubert einquartiert wurde. Hubert Kirschvink (Jahrgang 1938) kam seinerzeit in Datterode sogleich auch in die 1. Klasse der Volksschule.

Wer aber gedacht hätte, dass mit Kriegsende die Verbindungen abgerissen wären, irrt. Dora und Heinrich Hartmann hielten sehr intensiv Kontakt mit den Kirschvinks. Das ging so weit, dass man sich zu Familienfesten und im Urlaub gegenseitig besuchte und den Kontakt der Familien bis in die Jetztzeit auf die nächsten Generationen sozusagen „vererbte“.

 

In Forstsetzung dieser Freundschaft besuchte nunmehr Hubert Kirschvink „sein“ Datterode. Er wollte noch einmal an den Ort, den er trotz der relativ kurzen Aufenthaltszeit immer im Herz getragen hat. Der ihm, seiner Mutter und seinem leider schon in 2008 verstorbenen jüngeren Bruder u. a. bei „Tante Dora und Onkel Heinrich“ in der schweren Zeit Nahrung und ein Dach überm Kopf bot. Mit seiner Ehefrau Rosemarie sowie deren Vetter Herbert Thisquen mit Gattin Jaqueline, beide Lehrer in Belgien, erkundeten sie über das letzte Wochenende Datterode und unsere schöne Region. Ein erster Weg führte zum Friedhof, wo Hubert Kischvink seinen Datteröder Gastgebern von damals an ihrer Grabstätte respektvoll und gerührt gedachte. Hubert Kirschvink hatte auch noch alte Fotos im Gepäck, die er bei einem Besuch 1964 in Datterode gemacht hatte. Darunter auch Schnappschüsse, die im Fotoarchiv des Heimatvereins wieder Lücken der fotografischen Dorfgeschichte schließen werden.

 

Hubert Kirschvink erzählte aus der Geschichte seiner Familie, die ein Spielball politischer Machtinteressen gewesen ist: Sein Vater Johann Kirschvink (Jahrgang 1912), als Wehrpflichtiger zur belgischen Armee eingezogen, wurde nach der Besetzung Belgiens nun als deutscher Soldat verpflichtet und kam an die Ostfront. Bereits um den Jahreswechsel 1941/42 wurde er verwundet. Hubert und seine Mutter fuhren Anfang 1942 mit dem Zug von Raeren nach Leipzig und von dort nach Reichenbach/Vogtland, um ihn im Lazarett zu besuchen. Der Vater, der am 30. Januar 1945 die „Wilhelm Gustloff“ untergehen sah, schrieb kurz zuvor aus Russland seiner Frau, dass sie sich und die Kinder in Sicherheit bringen sollte, da auch der Raum Aachen gefährdet wäre, so erzählt der Gast aus Raeren aus seiner Erinnerung. Die Alliierten seien auf dem Vormarsch, die Städte und deren Umgebung würden bombardiert. Frau Kirschvink folgte dem Rat und kam wie weitere Bewohner des damaligen Kreises Eupen per Bahn (Bahnhof Hoheneiche) nach Datterode. Hier angekommen, wurden sie u. a. bei der Familie Reinhard Wolf (Leipziger Straße) und der Familie Sippel (Harmuthsbach) jeweils kurzfristig untergebracht, bevor sie für mehrere Monate bei Familie Hartmann unterkamen.

 

Hubert Kirschvink erinnert sich noch gut an Örtlichkeiten und Begebenheiten. So auch an den 3. April 1945, als die US-Armee in das Dorf einrückte und am „Eckerbaum“ zwei deutsche Soldaten erschoss, die gerade im Begriff waren, in den Wald zu fliehen. Herr Kirschvink hat das Bild der Gefallenen noch heute vor Augen. Die Ruhestätte eines der Gefallenen befindet sich auf dem Friedhof zu Datterode. Er wusste zudem zu berichten, dass Frauen – unter ihnen auch seine Mutter – vor dem Einrücken der Amis aus Furcht in die Wälder unterhalb der Boyneburg flohen und erst einen Tag später ins Dorf zurückkehrten. Mit der Einwohnerin Datterodes, Frau Elisabeth Schroth, erinnerte sich der Gast aus Belgien auch an den Tag, als sie in Datterode von einem amerikanischen Soldaten ihre erste Banane erhielten ... Der Soldat musste ihnen gestikulierend zeigen, wie man die bis dahin unbekannte Frucht öffnete. Ein einprägsames Erlebnis für beide. Frau Schroth konnte sich im Übrigen noch an den "Jungen aus Eupen" erinnern.

Im November 1945 trat Frau Kirschvink mit ihren Kindern in einem offenen Güterwagen die Heimfahrt an. Bis Aachen und dann über die Grenze zu ihrem Zuhause, das nunmehr wieder zu Belgien gehörte. Sie waren wieder belgische Staatsbürger. Frau Kirschvink wurde bei den belgischen Behörden angeschwärzt, so dass sie ins Gefängnis kam. Hubert selbst kam in ein Kinderheim, während sein kleinerer Bruder Siegfried von einem britischen Offizier bei Nacht und Nebel über die grüne Grenze zur Tante in Aachen gebracht wurde.

 

Als der Vater aus russischer Gefangenschaft nach Hause kam, war zwar die Mutter wieder in Freiheit, aber nun wurde der Vater sofort inhaftiert. Die Vorwürfe reichten von „den deutschen Soldaten den Weg gewiesen“ bis „das belgische Hoheitszeichen von einem öffentlichen Gebäude entfernt“. Letztlich zu entkräftende Anschuldigungen, die ihn aber erneut für ein Jahr die Freiheit kosteten. In dieser Zeit arbeitete er bereits für einen Stuckateur, für den auch sein Ältester, Hubert, außerhalb der Arrestanstalt Arbeiten leisten konnte. Nach einem Jahr war die Familie dann wieder in Raeren vereint. Der nächste Kampf stand an: Ihr eigenes Haus sei im Dachgeschoss und Souterrain von fremden Menschen bewohnt worden. Es hätte einen längeren juristischen Streit gebraucht, bis sie ihr Zuhause zurückbekommen und ein neues Familienleben hätten beginnen können. Wahrlich ein dramatische Familiengeschichte.

 

Der Heimatvereins Datterode e. V. verfügt über eine Liste sog. „Ortsfremder“ in Datterode des ITS Bad Arolsen von 1946. Darin sind u. a. auch weitere Menschen aus dem Raum Eupen aufgeführt, die bei der Erfassung noch in Datterode wohnten. Beim Durchgehen der Namen konnte der Begleiter von Herrn und Frau Kirschvink, der Lehrer Herbert Thisquen, zum allgemeinen Erstaunen Menschen bzw. Nachfahren dieser seinerzeit „Evakuierten“ aus seinem persönlichen Umfeld identifizieren. Was für ein Zufall – oder nicht?

 

Johann Kirschvink baute ein Malerfachgeschäft auf. Zusammen mit seinen Söhnen war es insbesondere der Putz von Häusern, für die sie sich einen Namen machten. Bei einem Datterode-Besuch soll sich Herr Kirschvink, so sein Sohn anlässlich des Besuchs, bei einem hiesigen Malerfachgeschäft (vermutlich Fa. Oskar Wieditz) für einen besonderen Putz („Spiegelputz“) und die dazu notwendige Maschine so begeistert haben, dass er kurzerhand eine solche Maschine kaufte und zu Hause damit in der Folge wirtschaftlichen Erfolg hatte.

 

Immer wieder besuchten die Kirschvinks, die „Gänsekerle auf Zeit“, mit ihren Familien und Nachkommen in den letzten 70 Jahren die Hartmanns in Datterode oder die Familie deren Schwiegersohnes Reinhard Beck und diese umgekehrt die Kirschvinks in Raeren. Bereits in der dritten Generation steht man nun schon in familiär-freundschaftlichem Kontakt. Immer auch in Achtung und Respekt vor denen, die wie andere in schwerer Zeit fremden Menschen ein Zuhause boten. Bescheidene Beispiele für Mitmenschlichkeit - vielleicht auch für die Gegenwart?

nach oben