Grandiose Jubiläumslesung

Riesiges Interesse an der Begegnung mit FC Delius

Zum 10. Mal veranstaltete der Heimatverein Datterode e. V. (HVD) am letzten Sonntag, dem 15. November, seine viel beachtete Jahreslesung. Der HVD verfolgt mit seinen Lesungen das Ziel, regionaler Geschichte und/oder regionalen Geschichten, aber auch Schriftstellern der Region Raum und Zuhörerschaft zu geben. Die Aufnahme in die Reihe hochkarätiger Kulturveranstaltungen erfuhr die Lesungsreihe durch den diesjährigen Gast Friedrich Christian (FC) Delius, einem der renommiertesten und vielfach ausgezeichneten Schriftsteller Deutschlands. Der HVD-Vorsitzende hatte Kontakt zu dem in Berlin lebenden Schriftsteller, auch in der Hoffnung, ihn einmal auf das „Dorf“ locken zu können. Der Autor ist in Wehrda/Altkreis Hünfeld aufgewachsen und in Korbach zur Schule gegangen und gilt international als einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur. Er blickt in diesem Jahr auf 50 Jahre schriftstellerisches Schaffen zurück. Zuletzt war FC Delius zusammen mit Mario Adorf als Schirmherr beim „Literarischen Frühling 2015“ im April in Waldeck in Nordhessen zu erleben.

FC Delius, der das ehrenamtliche, kulturelle Engagement des HVD durch sein Erscheinen ohne Zweifel „adelte“, ist nicht nur in der Nähe aufgewachsen, sondern hat bis heute verwandtschaftliche Beziehungen in die Region. Sein Onkel war der einstige Pfarrer von Datterode/Röhrda und spätere Dekan Fritz Delius, dem Gründungs- und Ehrenvorsitzenden der Werraland-Werkstätten e. V., nach dem das Wohnheim der gemeinnützigen Einrichtung in Datterode benannt ist. Dekan Delius und seine 2014 verstorbene Gattin waren bis zu ihrem Tode Mitglieder des HVD. Damit schließt sich auch der Kreis zwischen dem Gast aus Berlin und dem Veranstaltungshintergrund des HVD. Sehr früh fanden sich die ersten Interessierten im „Bürgersaal“ des „Marktwert“ ein, war doch bei dem Bekanntheitsgrad des Protagonisten mit einer großen Besucherschar zu rechnen. Und so trat es dann auch ein. Zum Beginn der Lesung platzte der Saal fast aus seinen „Nähten“. Unter den Gästen u. a. die Landtagsabgeordneten Sigrid Erfurth und Dieter Franz, Staatsminister a. D. Hartmut Holzapfel (ein echtes „Röhrdsches Kind“), Bürgermeister Fissmann, Dekan Dr. Arnold und Vertreter der Werraland-Werkstätten e. V. (siehe dazu Bericht auf der Homepage Werraland-Werkstätten e. V.). Einige teils weit angereiste Literaturfreundinnen und -freunde mussten mit Stehplätzen vorlieb nehmen, so groß war das Interesse. Das tat der Veranstaltung aber keinen Abbruch.

Nach Begrüßung und Hinführung zur Jubiläumslesung und dem Autoren durch den HVD-Vorsitzenden las FC Delius aus seinen Werken zielsicher die Passagen mit nordhessischem Lokalkolorit. Es war packend, den „heimatlosen Heimatdichter“, den „Chronisten der Bundesrepublik“, wie er im Feuilleton u. a. genannt wird, bei seinen literarischen „Ausflügen“ nach Wehrda oder zum „Stoppelsberg“ bei Hünfeld zu begleiten. Er verriet das erste Mal, dass er wohl anlässlich eines Besuches der Eltern beim Onkel im Pfarrhaus zu Röhrda gezeugt worden sei. Großes Erstaunen und Begeisterung beim Publikum. Es wäre vergebene Liebesmüh, an dieser Stelle die passenden Beschreibungen zu suchen. Delius fesselte die Hörerschar und nahm sie bewusst mit auf die literarischen Wege, in Fiktion und in Autobiografisches. Zu schnell verflog die erste Stunde der Lesung.

Nach einer Stärkungspause für Gäste und Gastgeber führte Markus Pfromm, Geschäftsführer u. a. der Werra-Rundschau, dem der HVD für seine unentgeltliche Mitwirkung zu großem Dank verpflichtet ist, mit FC Delius ein Podiumsgespräch zum Thema „Heimat“. Ein offenes Thema, das scheinbar mehr als gedacht zurzeit in allgemeiner Betrachtung steht. Dazu hatte auch die ARD im Oktober die Themenwoche „Heimat“ ausgestrahlt. Dass der HVD bei seiner längerfristigen Planung der Jubiläumslesung so im „Ziel“ liegen würde, war damals nicht abzusehen. Zeigt aber, dass man in Datterode auch am Puls der Zeit ist. Dass der Gesprächspartner Pfromm aufgrund seiner Vita nur zu gut zum Gast aus Berlin passte, führte zu einer wunderbaren Unterhaltung, sehr zur Erheiterung der Zuschauer und -hörer. Die aktuelle Flüchtlingsthematik, für die Delius mehr Pragmatismus in unserem Land forderte, war in diesem Kontext naturgemäß ein wesentlicher Punkt, wie die Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit des Begriffs und des Inhalts von „Heimat“. Markus Pfromm befeuerte das Gespräch auch mit dem Text aus dem Lied „Die ganz große Kunst“ des Kabarettisten Werner Schmidbauer. Für die Zuhörerinnen und Zuhörer in vielfältiger Weise aufschlussreich und reizvoll. Im Ergebnis aber auch die Gewissheit, dass es sich lohnt für die „Heimat“, die jede/r individuell auf ihre/seine Weise in sich trägt, einzustehen. Ermutigt, dass „Heimat“ nicht „out“ ist, sondern im Gegenteil, „in“ ist wie selten. Ein Verein, der „Heimat“ bereits im Namen trägt, wird darin bestärkt, sich weiter für die Heimat ehrenamtlich zu engagieren. Eine Heimat, um die wir von vielen beneidet werden.

 

Nach lang anhaltendem Abschlussapplaus überreichte der HVD den Protagonisten den obligatorischen „Vereinswein“, „Datteröder Worscht“ und „Datteröder Kaffee“ als Dankeschön und Erinnerung von unserer Heimat an die Heimat der Podiumsgäste. FC Delius war in der Folge umlagert, um viele seiner Bücher zu signieren. Die gelungene kulturelle Veranstaltung und die Resonanz auf das Angebot ermutigen den HVD, die Veranstaltungsreihe fortzusetzen. Danke auch an dieser Stelle nochmals allen Sponsoren, den Kuchenbäckerinnen, den vielen fleißigen Händen im Hintergrund, FC Delius und Markus Pfromm – und ganz besonders allen Besucherinnen und Besuchern.

 

Fotoimpressionen

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